Alltagsflügel

Der Kloß im Hals ist stärker als das Telefon in der Hand. Ich mache Pause, bevor ich angefangen habe.

Die Woche ist vollgestopft mit Behördengesprächen. Ich ziehe einen Zettel mit einem Bibelvers aus einem Kaffeebecher. Diesen speziellen Adventskalender habe ich im letzten Jahr auf der Arbeit geschenkt bekommen. Ich habe alle Verse aufbewahrt und ihn wiederverwendet. Ich rolle das Zettelchen auf:

Jesaja 40,31: Aber alle, die ihre Hoffnung auf den Herrn setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.“

Wow. Sollte dieser Gott etwa gewollt haben, dass ich genau das jetzt lese? Ich war nie bereiter, diese Kraft zu erfahren! Der Zuspruch reicht aus, um die nötigen Anrufe zu erledigen. An diesem Morgen telefoniere ich insgesamt 2 Stunden lang. Die Erschöpfung allerdings bleibt.
Ein paar Tage später sitze ich weinend vorm Laptop. Die Kraft reicht nicht fürs Homeoffice aus, ich will nur noch schlafen. Doch dann formen sich Zeilen in meinem Kopf. Ich bin gespannt, wohin sie mich führen und schreibe sie auf. Während ich schreibe, spüre ich, wie sich der Tank füllt. Eine Dreiviertelstunde später liegt ein Gedicht vor mir. Schon wieder hatte der Bibelvers in mir gearbeitet! Ich will den Text online stellen – sofort! Das hier ist nicht nur für mich, das ist für alle kraftlosen Adler.
Trotzdem werde ich den Eindruck nicht los, dass etwas fehlt: Ich muss die Flügel malen. Es schreit nach Farbe.
Dieses Gedicht und das Bild vom fliegenden Adler sind ein Geschenk. Sie sind mir zugeflogen. Jetzt schicke ich den Beitrag online. Ich möchte diejenigen beschenken, die es gerade brauchen.
Mütter, Väter, und die, die einfach ihren Alltag stemmen müssen.

Wer die Flügel streckt, ist bereit zum Flug…

Alltagsflügel

Bleierne Müdigkeit
Klebt in meinem Federkleid
Kraftlos sitz ich im Nest
Innere Ketten halten mich fest

Nachwuchs-Geschrei
Bitte geh vorbei!
Ich suche in mir nach Kraft
Wie hab ich es gestern nur geschafft?

Ich muss auf die Jagd
Das schlechte Gewissen plagt
Hoffentlich mache ich Beute
Sonst hungert die Meute

Ich sammle Worte für neuen Mut:
„Komm, pack es an, es wird wieder gut
Die Flügel strecke ich heut nur zum Flug
Was ich hab ist für heute genug“

Ich öffne meine Schwingen
In der Hoffnung auf gutes Gelingen
Ich hebe ab, das Leben zu versorgen
Im Flug schwinden die Sorgen

Als mir der Wind durch die Federn weht 
Vergesse ich, wie der Nachwuchs kräht
Ich bin berufen zu fliegen
So werde ich auch an diesem Tag siegen

Umgebung verwischt, ich stürze bergab
Da spüre ich, dass ich was gefangen hab
Ich halte ein zappliges Etwas fest
Schwebe mit vollem Schnabel zum Nest

Als die Brut meine Beute verschlingt
Spür ich, wie in mir der Glaube singt:
„Geh fliegen und vergesse die Sorgen
So sorgst du automatisch für morgen

Wenn in dir nur ein Fünkchen Hoffnung ist
Glaub‘ dass du ein mächtiger Vogel bist
Drückt dich nieder des Alltags Last
Erinner‘ dich, dass du Flügel hast.“

(c) Ramona Eibach, www.funkelflocke.de

4 Antworten auf „Alltagsflügel“

  1. Ramona, das ist wunderschön! Zum weinen schön! Ich habe diese Woche auch einen Adler gemalt, genau zu diesem Bibelvers. Weihnachtsgeschenk für Stefan, nicht nur Mütter und Väter brauchen gerade die Erinnerung, dass sie Flügel haben. Ich werde dein Gedicht zum Bild dazutun, es ist so ermutigend! Vielen Dank!

  2. Wow 🤩
    Ich hätte es eher lesen sollen, aber mir fehlte die Kraft, weil die Sorgen mich runterdrückten. Vielen Dank für deine “Arbeit” und diese enorme Ermutigung.
    Liebe Grüße aus Brasilien 🇧🇷

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