Die Spitze des Wäschebergs

Ich kämpfe gerade buchstäblich mit der Wahrheit. Ich ringe mit ihr und ringe um sie.
Ich frage: „Hey, Wahrheit, wer bist du? Wie viele Gesichter hast du eigentlich?“ Ich suche bei Google, bei Facebook, Insta und co. Nichts. Nicht mal in der Bibel finde ich was ich suche. Eine Ahnung von dem, was Wahrheit ist, finde ich da, wo ich nicht gesucht habe: Im Alltag.

Ich schlurfe im Schlafanzug ins Bad. Da überrollt mich die erste Wahrheit des Tages: „Ich kann mich nicht in Ruhe anziehen.“ Im Bad steht mein Mann an der Wickelkommode, damit beschäftigt, den Jüngsten anzuziehen. Auf dem Teppich zwischen Waschbecken und Wickelkommode sitzt ein Kind, umgeben von Kleidungsstücken. Es versperrt den Weg und plappert munter drauf los. Über Nacht haben sich Worte in ihm angestaut, die sich jetzt schwall-artig über meine noch halb schlafenden Ohren ergießen. Kind Nummer drei sitzt auf dem Klo.

Und der Spiegel lügt doch!

„Ich bin nicht allein!“ Das ist eine unverrückbare, bewiesene Wahrheit. Ich befrage den Spiegel. Der Blick in den Spiegel steht sinnbildlich für die Erkenntnis der Wahrheit. Es ist also einen Versuch wert. Was ich sehe, kann – und darf- aber gar nicht echt sein! Meine Locken tanzen wild um den Kopf. Mein Kopf gleicht einem Ei im Vogelnest. Also bastele ich an der Wahrheit herum. Sie muss angepasst werden, bis ich damit leben kann. Der Spiegel lügt. Denn was ich sehe, ist definitiv spiegelverkehrt und noch dazu mit Zahnpasta-Spritzern garniert.
Nicht ich klebe, sondern die Scheibe. Trotzdem sind das Spuren einer anderen Wahrheit: „Hier hat sich jemand die Zähne geputzt.“ Das ist plausibel und anhand von Indizien nachweisbar.

Was ist wahr? Gibt es eine Wahrheit? Gibt es mehrere Wahrheiten oder gibt es verschiedene Gesichter ein und derselben Wahrheit? Und wenn es sie gibt, wer hat sie dann? Wo versteckt sie sich?

Im Spiegel habe ich eine verdrehte Wahrheit gefunden. In meiner Rolle als detektivische Hausfrau und Mutter suche ich weiter. Vielleicht hat jemand die Wahrheit unter den Teppich gekehrt. Und Bingo! Hier werde ich fündig. Krümel und Dreck. Eine Spur des Familienlebens. Deutlicher wird die Spur allerdings auf dem Teppich. Hier tummeln sich nach jedem Essen Reste. Die Wahrheit über unsere Ernährung finde ich also hier.

Aufgesaugte Wahrheit

Hätte ich alle Essensreste liegen gelassen, gäbe es jetzt noch mehr zu entdecken. Aber ich habe die Wahrheit aufgesaugt. Mit dem Staubsauger. Wenn ich ihn öffne, finde ich sehr viel Wahrheit. Da liegen einzelne Playmobil-Kleinteile zwischen Haferflocken, Dreck, Scherben und den vielen Haaren, die ich lassen musste. Die Sache ist trotzdem einseitig: Der Inhalt des Staubsaugers erzählt ausschließlich Geschichten von Dreck, Zerbruch und Verlust. Wenn ich nur ihm glaube, kann ich glatt depressiv werden. Die Mägen der Familienmitglieder erzählen mit zum Teil gleichen Zutaten eine andere Geschichte: Die vom Sattwerden und Sich-Stark-Fühlen. In meinem Kopf tummeln sich Erinnerungen: Wem was geschmeckt hat, was beim Essen passiert ist. Aber sind sie wahr? Meine Kinder oder mein Mann würden dieselbe Begebenheit vermutlich anders erzählen. Welche Version ist die Wahrheit? Ich weiß es nicht.

So empfinde ich das derzeit mit dem Corona-Virus. Menschen beschimpfen sich, behaupten unterschiedliche Dinge. Die Maske ist sinnlos oder ist es nicht. Ich kann nicht beurteilen, was sie ist. Ich stecke sie jeden Tag in meine Hosentasche, gebe sie meiner Tochter mit in die Schule und trage sie beim Einkaufen und in öffentlichen Gebäuden. Sie ist da. Die Wahrheit ist: Ich mag sie nicht. Sie stört, lässt mich beschwerlicher atmen. Meine Brille beschlägt und an den Ohren kneift sie. Ich bin verpflichtet, sie zu tragen. Ich gehe nicht mehr ohne sie aus dem Haus. Ich gehe mit ihr überall hin. Weil ich es mit ihr kann. Noch bis Mai konnte ich nirgendwo hin. Kein Restaurant, kein Schwimmbad, kein Sport. Nichtmal zur Arbeit. Jetzt kann ich das wieder. Dank Maske und Desinfektionsmittel. Schützt dieser Stofflappen mich? Ich weiß es nicht. Ist er sinnvoll? Oh ja! Denn mit ihm kann ich ein attraktives Leben mit all seinen Facetten leben. So gesehen liebe ich den Mund-Nasen-Schutz. Auch das ist Wahrheit.

Die Antwort wartet im Wäscheberg

Welche Wahrheit stimmt? Weil das schon einmal geklappt hat, suche ich im Haushalt. Ich werde fündig im Wäscheberg. Hier liegen sie, die Zeugen der vergangenen Woche. Wenn ich anschaue, was ich gewaschen habe, erkenne ich was ich machen konnte. Ein T-Shirt, das ich bei der Arbeit getragen habe. Drei Sportgarnituren. Ein Maler-Outfit vom Tapezieren. Eine Arbeitshose, die ich bei der Gartenarbeit getragen habe. Körbeweise Kinderklamotten. Mindestens die Hälfte davon habe ich in der vergangenen Woche geschenkt bekommen. Putzzeug, Küchenhandtücher und Bettwäsche. Wow! Das ist doch mal ne schöne Wahrheit: So viel Schönes habe ich erlebt. Und ich konnte so viel erledigen. Ich empfinde, dass ich sehr gut versorgt bin.

Mein Blick fällt auf den Haufen Mund-Nasen-Masken. Eine weitere Wahrheit drängt sich in mein Bewusstsein: Ohne sie hätte ich vieles von dem nicht erlebt. So gesehen habe ich meine persönliche Wahrheit über die Maske in meinem Alltag gefunden. Hier ist der Ort, an dem ich jetzt weiter nach der Wahrheit über die Wahrheit suche. Mit Gedichten und Gedanken. Wenn ich einen Aussichtspunkt brauche, der mir hilft, meine persönliche Wahrheit zu finden, dann kehre ich zurück. An die Spitze des Wäschebergs.

(c) Ramona Eibach, www.funkelflocke.de

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