Hochseilgarten – Große Klappe vor der Schlappe

“Lass uns sofort bei einem Parcours mit sieben Metern Höhe anfangen! Wir sind ja nicht hier, um einen Kinder-Parcours zu machen!”, töne ich und steuere zielstrebig die dunkelblaue Strecke des Hochseilgartens an. Sie wird beschrieben als Balance-Parcours. Mein Mann meldet vorsichtig einige Bedenken an. Da ich mir selbst durch diverse Sportarten ein gutes Gleichgewicht bescheinige, traue ich mir das zu. “Die Strecke hat es ganz schön in sich!” Die Warnung einer anderen Kletterpark-Besucherin schlage ich in den Wind. Beherzt klinke ich meinen Klettergurt ein und beginne den Aufstieg.

Vom Großmaul zum Klammeräffchen

Die Strickleiter ist kein Problem für mich. Ich habe schließlich Kraft. Auf der ersten Plattform angekommen, mache ich fröhlich ein Foto von meinem Mann, der sich noch mit dem Aufstieg plagt. Doch auf der Hälfte des ersten Hindernisses werde ich stocksteif. Igitt! Das geht so tief runter unter mir! Warum in aller Welt habe ich mich auf diesen Quatsch eingelassen? Die Tatsache, dass ich Höhenangst habe, habe ich getrost ignoriert. Ich dachte, mit Sicherung sei das kein Problem. In der Tat erinnerte ich mich an einen Ausflug zum Kletterwald. Damals habe ich sogar den Parcours in 10 Metern Höhe gemeistert. Aber das ist acht Jahre her. In der Zeit habe ich nicht mehr trainiert, solche Dinge in der Höhe zu tun. Jetzt muss ich den Drahtseilakt zu Ende bringen. 

Schon dieses leichte Hindernis macht mir weiche Knie.

Nach zwei Hindernissen bin ich in kaltem Angstschweiß gebadet. Alle Muskeln tun mir weh. Mein Mann foppt mich mit meinen eigenen Worten: “Wir sind doch nicht hierher gekommen, um einen Kinder-Parcours zu machen!” Diesen Satz muss ich mir im Laufe unseres Ausflugs noch oft anhören. Zu Recht. Ich kämpfe tapfer weiter. Auf jedem Plateau klammere ich mich mit aller Kraft an den Baum, bevor ich meine beiden Karabiner weiterhake. Falls möglicherweise eventuell vielleicht ein Brett brechen sollte, muss mich der Baum retten. Ich schwindele mich buchstäblich durch den Parcours. Ein Klammeräffchen mit Sicherheitsgurt. Dann trifft mich der Schlag.

Das Übel mit dem Kübel

Ich soll auf einem Kübel stehend zur nächsten Plattform fahren. Ich gebe mir die Blöße und bitte meinen Mann, zuerst zu fahren. Spielend leicht meistert er die Hürde. Wenn sogar dieser Unsportler das schafft, muss ich das doch auch hinkriegen! Aber es geht nicht. Um das Gefährt zu mir zu ziehen, muss ich mit beiden Händen ein Seil fassen. Das funktioniert nicht. Ich kann den Baum einfach nicht loslassen. Inzwischen hat mich ein etwa 11 jähriges Mädchen eingeholt. Sie schaut mir direkt ins Gesicht. In ihren Augen sehe ich Fragezeichen. Wahrscheinlich wundert sie sich, warum ich den Baum nicht loslasse. Nicht gerade aufbauend für mein Selbstbewusstsein. Ihr Vater hilft mir dann aus der Patsche. Er erkennt das Dilemma, und holt kurzerhand den Kübel für mich ran. “Bitteschön!” Ich bedanke mich mehrfach und steige ein. Die Fahrt macht sogar Spaß. Auf der anderen Seite hilft mir mein Mann auf das Plateau. Ich erkenne, dass ich mit Hilfe das Abenteuer besser bestehen kann.

Nach einer weiteren Runde Zittern komme ich mit weichen Knien unten an. Ich brauche eine Pause. Ich ärgere mich so sehr über meinen Hochmut. Eigentlich neige ich nicht dazu, mich so maßlos zu überschätzen. Eigentlich. Mir fällt auf, wie wenig ich mich auf das verlassen kann, was ich gelernt habe. Es wird im Leben immer wieder Situationen geben, in denen mich Ängste einholen, mit denen ich nicht gerechnet habe. Die ich unterschätzt oder verdrängt habe. Aber ich möchte mich nicht von ihnen kontrollieren lassen.

Neuer Aufstieg mit Partner

Optimistisches Selfie vor dem Partner-Parcours

“Gemeinsam mit anderen kann ich das schaffen.” Mit dieser Erkenntnis im Gepäck fasse ich Mut, den Partner-Parcours anzugehen. Er ist genauso hoch. Allerdings mit einem höheren Schwierigkeitsgrad ausgezeichnet. Gemeinsam mit meinem Mann klappt es tatsächlich besser. Konzentriert auf das Partner-Erlebnis vergesse ich die Höhe sogar kurz. Aber auf den letzten Metern bekomme ich fast eine Panikattacke. Zuerst muss ich meinen Mann mit einem Seil in Balance halten. Er ist aber viel schwerer als ich. So drohe ich diesmal tatsächlich von der Plattform zu fallen. Mit aller Macht stemme ich mich zurück und halte ihn am Seil. Dann hält er mich. Ich vertraue ihm und es klappt gut. 

Drahtseilakt mit Aussetzer

Sehr wacklig komme ich voran. Ich schaue nur meinen Mann an. Doch plötzlich gibt das Seil nach und ich falle fast in den Gurt. Hinter mir haben Jugendliche das andere Seilende gelöst. Es hatte sich verklemmt. Im Bruchteil einer Sekunde reagiert mein Mann. Aber mein Vertrauen hat gelitten. Mit letzter Kraft kämpfe ich gegen die Wand in meinem Kopf an. Als ich auf der letzten Plattform ankomme, stehe ich unter Schock. Ich kann nicht mal mehr meine Karabinerhaken umklemmen. Ich stehe da, steif am ganzen Körper und klammere mich an den Baum. Erst als ich realisiere, dass mich nur noch die Seilbahn vom sicheren Waldboden trennt, kann ich den Parcours zu Ende bringen.

Die Moral

Ich habe heute viel über mich gelernt: 

  1. Die Größe meiner Klappe ist umgekehrt proportional zur Höhe des Parcours.
  2. Mit der Hilfe anderer schaffe ich Hindernisse, die ich nicht vorhersehen konnte. Vertrauen ist dabei entscheidend.
  3. Löse nie eine Verklemmung, ohne vorher zu fragen. Du weißt nie, ob sie nicht auch Halt gibt.
  4. Eine Sicherung nützt am meisten, wenn es nicht nur am Seil klick macht, sondern auch im Kopf.

Für heute haben wir genug Höhenrausch erlebt. Lachend und feixend stellen wir uns an einem Kinderparcours mit drei Metern Höhe an. Ich bin nicht hier her gekommen, um einen Kinderparcours zu machen. Zum Glück. Sonst hätte ich ihn gar nicht zu schätzen gewusst.

Entspannt beim Kinderparcours

(c) Ramona Eibach, www.funkelflocke.de

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