Im Gepäck hat nur der Mut gefehlt
Im Gepäck hat nur der Mut gefehlt

Im Gepäck hat nur der Mut gefehlt

Wir sitzen endlich im Zug. Tränen der Erleichterung laufen mir übers Gesicht. Noch vor etwas mehr als einer halben Stunde dachte ich, dass wir es nicht schaffen.

Hilfe hinter der Baustelle

Alles zieht vorüber. Maisfelder unterbrochen von Grünflächen. Dann wieder die typischen gelb- und aprikosenfarbenen Fassaden Italiens. Mein Kopf verarbeitet die Szenen der vergangenen Stunden. Ich mit zwei Kindern und Gepäck völlig orientierungslos auf einem Bahnhof in Mailand. Unseren Anschluss haben wir verpasst. Ich war nicht in der Lage gewesen, das richtige Gleis zu finden. Erst mussten wir mit der U-Bahn zu einem anderen Bahnhof fahren – ein Spießrutenlauf bis wir alle Tickets hatten und im überlaufenen Hauptbahnhof die richtige Linie gefunden. Die Direktverbindung vom Hauptbahnhof war ausgebucht, es war sehr schwierig, den Weg bis hierher zu finden. Wir stehen da, wie bestellt und nicht abgeholt. Meine Tochter macht mir wüste Vorwürfe, die Webseite von Trenitalia zeigt keine Verbindung mehr zu unserem Zielort Genua an, kein Hinweis, an welchem Gleis der Zug losfährt und ob noch einer kommt. Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Müssen wir wirklich in Mailand übernachten? Sollen wir zurück zum Hauptbahnhof fahren? Ich fange an, Panik zu schieben. Meine Blase drückt und mein Rücken klebt unter dem Wanderrucksack. Also frage ich beliebig irgendjemanden, ob er weiß, ob es eine Toilette gibt. Es gibt eine: auf der Außenseite des Bahnhofs. Wir finden sie zwischen Baustellenwänden und Treppe. Die Reinigungskraft schenkt mir die Gebühr für die Kinder. Da habe ich eine Idee: Ich frage sie, wo man das Gleis herausfinden kann. Sie verweist mich auf den Fahrkartenschalter. Den hatte ich gar nicht gesehen! Er befindet sich hinter einer Schutzwand der Baustelle.

Dankbar gehe ich mit den Kindern hin. Inzwischen habe ich schon online gesehen, dass ein Zug von hier zumindest zu einem anderen Bahnhof in Genua fährt. Das wäre also eine Option. Der Bahnbedienstete bucht unsere Tickets um und verrät mir das Gleis. In einer halben Stunde gibt es den nächsten Anschluss: Genug Zeit, um uns eine kalte Cola zu spendieren. Denn hinter der Baustellenwand hat sich auch ein Kiosk versteckt, dessen Angebot wir dankbar annehmen.

Als wir im Zug nach Genua sitzen, kann ich das Weinen nicht mehr unterdrücken: Wir werden es schaffen! Müde, erschöpft, zwei Stunden später als geplant, aber ganz und in einem Stück. Ich denke immer noch über dieses Erlebnis nach. Mir ist von Anfang an total klar gewesen, dass die Reise Herausforderungen mit sich bringen würde, die ich nicht absehen kann. Davor hatte ich am meisten Angst. Ich habe 2003/04 ein Auslandssemester in Genua gemacht. Ich kann Italienisch, ich kenne den Weg. Die Züge konnte ich vorher nicht buchen. Jetzt rollt es endlich und ich grüble, wo mein Denkfehler war. Was ich falsch gemacht habe, denn ich musste etwas falsch gemacht haben. Das ist zu dem Zeitpunkt meine feste Überzeugung. Aber der Fehler lag ganz woanders.

Systemstreik überwinden

Am nächsten Morgen laufe ich so früh es geht zum Bahnhof. Ich buche Tickets für die Rückfahrt, damit der direkte Zug zum mailänder Hauptbahnhof nicht wieder voll ist. Im Internet war nicht herauszufinden, wo die Züge abfahren und auf den Tickets stand es auch nicht. Deshalb frage ich, wie man das Gleis herausfinden kann. Der Bahnbeamte sagt, auf der Anzeigetafel sei die Zugnummer angegeben und das Gleis. Jetzt dämmerte es mir: An dem Bahnhof in Mailand Rogoredo war die Anzeigetafel ausgefallen! Ich hatte also gar keine Chance, den Zug zu bekommen. Das in Kombination mit dem versteckten Ticketschalter war schon eine harte Nuss. Dazu müde Kinder, die ungeduldig waren. 

Mein vermeintlicher Fehler war kein Fehler. Ich habe alles richtig gemacht. Richtiger Bahnhof, richtige Route. Und mich durchgefragt. Wir hatten alles dabei. Im Gepäck hat nur der Mut gefehlt. Ich bin sehr dankbar für dieses Erlebnis. Ich habe etwas verstanden, das ich im Alltag gut gebrauchen kann: Ich muss nicht immer an mir zweifeln. Es lohnt sich, die Augen offen zu halten und um Hilfe zu bitten. Mit etwas Mut ist es auch in einem kaputten System möglich, einen Weg zum Ziel zu finden. 

(c) Ramona Eibach, www.funkelflocke.de

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