Mein Lichtlein klemmt

Advent Advent
Mein Lichtlein klemmt
Ein Feuerzeug in meiner Hand
Warf ich wütend an die Wand
Wo andere den Herrn ankünden
Will sich bei mir kein Licht entzünden

Manche Tage sind zum Abgewöhnen. Mein Samstag war solch ein Tag. Ich bin nicht stolz auf ihn. Trotzdem möchte ich ihn heute festhalten. Ich würdige ihn, gewissermaßen um ihm einen Sinn zu verleihen.

Heute morgen läuft bei mir gar nichts, außer meinen Tränen. Zu viel, zu schnell, zu wenig Ausgleich. Ich sitze an meinem Platz am noch gedeckten Frühstückstisch. Die Kinder plärren nebenan. Und in mir plärrt es auch.
„Ruhe! Seid still!“ In mir schreit es durcheinander. Na gut. Wenn es unbedingt sein muss, dann lasse ich mich halt zu Wort kommen. Und dann läuft es. Wasser aus meinen Augen. Es läuft und läuft. Irgendwann auch aus der Nase. Vermischt sich mit Krümeln auf dem Tisch. Ich spüre, was ich die ganze Woche über nicht spüren wollte. Ich bin so müde. Ich nehme meine verbliebene  Antriebskraft zusammen. Schnappe mir meinen Adventskalender mit Geschichten. Dazu zwei Kekse und eine Kerze. So bewaffnet gehe ich an einen ruhigen Ort.

Ich suche nach einem Feuerzeug. Seltsam. Hier war doch eins! Ich seufze und trete den Rückweg in das tiefergelegene Stockwerk an. Schnappe mir ein Feuerzeug. Wieder oben angekommen, merke ich, dass das Rädchen klemmt. Ich bin sauer. Werfe das nutzlose Ding in die Ecke. Dann feuere ich es in den Mülleimer. Hole ein anderes Feuerzeug, zu Sicherheit mit Klick-Funktion. Diesmal prüfe ich es. Es funktioniert. Doch als ich die Kerze anzünden möchte, kommt keine Flamme mehr. Ich halte es an mein Ohr. Gas leer. Ich glaube es nicht! Nicht mal ne Kerze kann ich heute anzünden! Ich schmeiße den Ex-Anzünder in die Ecke. Einzelteile fliegen. Das tut gut. Mistding. Warum tut es auch nicht, was es soll?! Also auf zum vierten Versuch. Da fällt mir ein, wo die Streichhölzer liegen. Ich kann mein Glück kaum fassen, als gleich das erste funktioniert.

Für dieses Foto habe ich die Trümmer zusammengetragen und liebevoll arrangiert…

Die Kerze brennt, ein wohliger Schwefel-Adventsgeruch erfüllt den Raum. Bevor mich jemand am Lesen hindern kann, will ich schnell die Schachtel schließen. Dabei schütte ich die Streichhölzer komplett aus. Sie kullern über das Tischchen. Ich lasse sie links liegen. Lustlos lese ich den Text. Entspannung setzt nicht ein.

Ein Zettel statt Öl ins Feuer

Ich denke an den Zettel in meiner Hosentasche. Auf der Arbeit haben drei emsige Menschen für alle Mitarbeiter der Verwaltung einen Adventskalender gebastelt. Ein Kaffeebecher, gefüllt mit 24 Bibelversen. Er wartete in dieser Woche an meinem Arbeitsplatz. Ein sehr schöner Moment, ihn zu finden. Ich habe mich so gefreut! Ich habe ihn mitgenommen und an mein Bett gestellt. So ziehe ich jeden Morgen schon vor dem Aufstehen einen Vers, trage ihn dann in meiner Hosentasche, um ihn mehrmals täglich zu lesen. Was stand da heute eigentlich genau drauf? Ich weiß es nicht mehr. Ich muss es verdrängt haben. Ich zuppele das Papier aus der Jeans. Soll das ein Witz sein? Da steht: „Aber alle, die ihre Hoffnung auf den HERRN setzen, bekommen neue Kraft: Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.“

Ein Bibelvers trieb mich in den Wahnsinn. Er steckte in einem Adventskalender.

Das hat also Gott dem Propheten Jesaja versprochen. Und bis heute kann ich es in der Bibel nachlesen. Im 40. Kapitel des nach Jesaja benannten Buchs, Vers 31. Was für ne Message. Der hat gut Reden! Nicht müde werden und nicht erschöpft. Davon kann ich heute nur träumen. Ich muss sagen, ich fühle mich nicht ernst genommen von diesem Bibelvers. Warum ärgere ich mich? Es ist nur ein blöder Vers aus einem Adventskalender. Durch Zufall habe ich ihn heute gezogen. Ein unschuldiger weißer Zettel ohne Hintergedanken. Wäre ich heute nicht zu blöd dazu, hätte ich ihn angezündet.
Nein, hätte ich nicht. Er hat mich nämlich angezündet. Neben Ärger ist jetzt auch Neugier in mir entfacht. Ich raffe mich auf und beginne meine Arbeit. Vielleicht weiß ich ja bald, wie das gemeint ist mit dem „Nicht-müde-sein“.
Pustekuchen. Am Ende des Tages ist alles noch schlimmer. Ehekrach. Ich bin heute völlig ausgerastet und schäme mich deshalb. Sogar mein jüngster Sohn hat mich heute beschimpft. Mit Recht. Und als Sahnehäubchen erfahre vom ersten Corona Todesopfer in der Familie. So ein verflixter Tag! Als ich abends müde und erschöpft auf die Couch sinke, lese ich den Zettel noch mal durch: „Aber alle, die ihre Hoffnung auf den HERRN setzen, bekommen neue Kraft: Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.“

Biblische Fakenews oder Chance?

Ich könnte diesen Vers als Fakenews deklarieren. Ich könnte behaupten, er sei veraltet und der verstaubte Gott habe sowieso keine Ahnung von meinem Leben. Von wegen Adler. Eher ungebremster Absturz! Es war – mit oder ohne Gott- ein Kacktag. So einfach und so hässlich. Aber so muss er nicht zu Ende gehen.

Ich entscheide mich, heute ein zweites Mal ein Licht anzuzünden. Neue Möglichkeiten beleuchten. Wenn dieser doofe Vers mich heute nicht in Ruhe lässt, vielleicht ist er ja gar nicht so doof. Vielleicht ist was Wahres dran. Nur ich weiß nicht was. Wenn ich ehrlich bin, hat mir heute etwas Entscheidendes gefehlt. Es war aber kein Feuerzeug. Es war der kleine Funke Vertrauen. Ohne Vertrauen klemmt das Licht. In diesem Sinne suche ich weiter nach dem passenden Anzünder. 

Advent, Advent
Mein Lichtlein klemmt
Nen Zettel halt ich in der Hand
Den Text darauf ich nicht verstand
Jetzt will ich Vertrauen finden
Vielleicht kann ich so das Licht anzünden

(c) Ramona Eibach, www.funkelflocke.de

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