Seltsame(s) Gestalten

Es gibt Tage, an denen sollte ich besser nicht schreiben. Dann produziert das Leben Gruselgeschichten. Ich verbessere mich: Es gibt Tage, an denen muss ich schreiben, um die Gruselgeschichten des Lebens festzuhalten. So kann ich sie später redigieren.

Was ich schreibe lebt in mir. Mein Hirn saugt leere Zeilen und spuckt sie beschrieben wieder aus. Das ist gemein von mir, es so unappetitlich zu rauszuhauen, ich weiß. Bilder im Kopf sind mein Wellnessbereich. Sie sind zugleich Schwäche, Waffe, Ressource, mein Job, mein Ding.
Manchmal stelle ich mir vor, sie drehen mich im Krankenhaus auf links. Hirn – OP,  wie in einer schlechten Krankenhausserie. Der Chirurg spricht mit seinem Assistenten: „Hier ist was. Schauen Sie mal! Dieses Hirn ist ja voller Bilder! Sowas habe ich noch nie gesehen!“ Und dann brüllt er: „Klemme, schnell, machen Sie schon! Da läuft was aus! Freie Flüssigkeit!“ Und als die Klemme sitzt: „Ins Labor damit!“ Später werden sie dann feststellen, dass Farbe, vermischt mit Buchstaben ausgelaufen ist. Ja, ich bin so. Mein Hirn ist voller Bilder. Sie kommen raus, in Form von Kunst und Texten.

Ver(w)irrte Buchstaben

Meine These: Schreiben ist Schreien, in das sich ein kleines B verirrt hat. So wurde was als grob und ungehobelt galt plötzlich gebildet und gesellschaftsfähig. 
In der Kunst ist es ähnlich. Hier waren ein s und ein Tausch von Groß- und Kleinschreibung die Übeltäter: “Seltsame Gestalten” wurden in meinem Kopf wurden zu “Seltsames gestalten”.

Das steht symbolisch für die Macht des Schreibens. Währenddessen vollzieht sich in mir  eine Transformation von der Wahnsinnigen zum Kreativmonster. Es öffnet sich ein Ventil, durch das ein Teil der inneren verrückten Welt raus kann. 
Ich bin froh, das endlich kapiert zu haben. Immer wieder packt mich die Angst, eines Tages könnte es vorbei sein. Keine Bilder mehr, keine Farbe, keine Worte. Kopf leer. Nix läuft mehr aus, nix geht mehr rein. Es ist immer wieder vorgekommen und wird passieren. Lockdown, Schwierigkeiten in der Familie, Stresspegel zu hoch. Was ich dann tun muss, ist das, was ich tun muss: Schreiben. Für Beruf und Privatleben. Für andere, für mich. Sobald ich meinem Hirn erlaube, den Text auszuspucken, der sich aufgestaut hat, geht es aufwärts.

Gruselgeschichten verwandeln sich in Lyrik und in Prosa aus dem echten Leben. Was nicht explizit gesagt werden kann, wandert in Erzählungen und was nicht mit Worten beschrieben werden kann, findet seinen Ausdruck mit Pinsel und Farbe.

Meine These: Schreiben ist Schreien, in das sich ein kleines b verirrt hat.

Kreativer Auslauf

Meine Angst vor dem kreativen Aus hat sich bisher zum Glück nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Wenn es außen besonders eng war, wurde es innen bunt. Diese Bilder in mir sind ein Geschenk. Sie sind da, wie ein Erdölvorkommen: Ich greife rein und es sprudelt. Als hätten sie nur darauf gewartet. Wie sie da rein gekommen sind, weiß ich nicht. Eine Entstehung durch die Eiszeit halte ich für ausgeschlossen. Ich denke, Gott hat sie in mich eingefüllt. Vielleicht hat er sie in mein Hirn gepflanzt, bevor sich die Fontanelle schließen konnte. Sie sind mitgewachsen Ich habe sie als meine Superkraft entdeckt. 

Den armen Chirurg aus meiner Vorstellung hat das Auslaufen überfordert. Wer selbst verklemmt ist, neigt eher dazu, überfließender Kreativität Klemmen anzulegen. Doch was ausläuft muss man nicht unbedingt unterbinden. Es kann ein wertvoller Rohstoff sein. Da meine Fontanelle inzwischen zugewachsen ist, muss es woanders raus. Wenn es sprudelt, und mein Hirn zu platzen droht, öffne ich langsam den Kiefer und nehme ein Blatt vor den Mund. Ich lasse es fließen. Am Ende wird dort ein Bild oder Text entstehen. 

(c) Ramona Eibach, www.funkelflocke.de

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