Unbeschriebenes Blatt

Die Menschheit wird von vielen Ängsten geplagt. Eine davon ist die „Angst vor dem weißen Blatt“. In der Kunst bezeichnet der Begriff „Horror vacui“ den Wunsch, leere Flächen zu füllen. Den Wunsch kann ich nachvollziehen. Die Angst nicht. Ein leerer Raum will gefüllt werden. Das wusste schon der alte Grieche Aristoteles. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Dieses Gedicht überwindet Ängste und Grenzen.
Es rechnet künstlerisch ab mit einem (für mich) überarbeitungsbedürftigen Reinheits-Begriff.

Unbeschriebenes Blatt

Der Volksmund sagt, du bist sauber und rein
Doch ich sehe das nicht. Kann das denn sein?
Der Dichter hat Angst vor deiner Leere
Mich packst du nur bei meiner Ehre
Mancher wünscht sich, dass er wie du wäre
Mich ehrt es, dass ich deine Reinheit zerstöre

Unbeschriebenes Blatt
Dir dein Weiß zu lassen wäre hart
Wo nichts ist, wächst eine Geschichte
Deine Leere schreit, bis ich was dichte
Doch als ich die ersten Zeilen schuf
Zerstörte ich damit deinen Ruf

Weiß, eckig sonst nichts dahinter
Kalt wie Schnee im tiefsten Winter
Nichtfarben starrt mich deine “Reinheit” an
Ich frag mich, wie man das schön finden kann
Dass du keine Farbe willst, kann ich nicht verstehen
Noch nie hab ich an einer Wand ein weißes Blatt gesehen
Ich möchte dich in bunten Farben sehn
Doch damit ist deine Unberührtheit dahin

Unbeschriebenes Blatt
Du bist die Basis, bist der Start
Du bist der Grund auf dem ich male
Sorry, wenn ich über dich herfalle
Ich lasse mich ungehemmt über dir aus
Schreib und male alles raus
Ich tobe und tanze auf deinem Weiß
Deine Unberührtheit ist der Preis

Ich hab dir deine Unschuld geraubt
Dir mit Worten die Show versaut
Deine reine Weste ist Vergangenheit
Bemalt und bekritzelt deine Zeit
Dein Wasser hat jetzt einen im Tee
Deine Unbeschriebenheit ist für immer passé

Dein Weiß ohne eine einzige Zeile
Ist keine Reinheit, sondern Langeweile
Deine Sauberkeit ist nur Schein
Da muss noch irgendwas anderes sein
Deine Sehnsucht ist ungestillt
denn du bist ein ungemaltes Bild
Ein ungeschriebenes Gedicht
Ehrlich Mann, das mag ich nicht

Deine Leere wurde zum Raum
Hier entstand mein großer Traum
Kreativ, mit stolpern und stehn
Mit farbenfroher Reinheit meinen Weg zu gehen
Deine Kälte hat mich getrieben
Meine Seele in kleine Stückchen zerrieben
Aus ihnen hab Farbe gemischt
Und sie über deine weiße Fassade gewischt
Ach wie hatte ich dich satt
Du angeblich strahlend weißes Blatt
Ich hab dir deine Unschuld genommen
So bin ich mit mir ins Reine gekommen

Jetzt seh ich dich in neuem Licht
so schnell vergeht Vergangenheit nicht
Danke, dass du mich mit Unantastbarkeit schrecktest
mit Kälte meinen Tatendrang wecktest
Unbeschriebenes Blatt, ich danke dir
Dank dir stehe ich heute schreibend und malend hier
Dank dir ist heute die Welt so bunt
Denn ich tanze und gestalte auf weißem Grund

(c) Ramona Eibach, www.funkelflocke.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich stimme der Datenschutzerklärung zu

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.