Weil es uns gibt

Wie macht man das? Die Frage haben mir schon viele Menschen gestellt. Unter anderem bezog sich das auf unsere Ehe. Zwanzig Jahre haben wir es jetzt miteinander ausgehalten. Das schreibe ich bewusst so. Denn wer fragt, wie man das macht, so eine lange Zeit mit jemandem zusammen zu leben, dem sage ich: „Aushalten gehört auch dazu.“

Bitte entschuldige die Ernüchterung, ich hatte es mir auch romantischer vorgestellt. Aber im Alltag mit drei Kindern reicht es oft nicht mal für eine Kerze am Frühstückstisch. Momente, in denen wir uns danach sehnen, nur mal fünf Minuten ungestört das wichtigste Organisatorische zu klären. Momente, in denen wir uns nach Zweisamkeit sehnen. Oft lachen wir, wenn wir schlafende Kinder aus dem Ehebett in ihr eigenes Bett schaufeln, um mal „unseren Raum“ zu haben. An anderen Tagen fehlt diese Kraft. Dann bricht die Enttäuschung mit voller Wucht durch. Dann mischt sich unser Streit in laute Kinderstimmen. 

Wir hassen Selfies. Deshalb haben wir es mit Grimassen versucht. Das musst du jetzt aushalten.

Wie macht man das? 

An dieser Stelle muss berücksichtigt werden, dass wir erst zwölf Jahre nach der Hochzeit Kinder bekommen haben. Daraus lässt sich kein allgemeingültiges Erfolgsprinzip ableiten. Aber für uns war es genau richtig so. Wir haben uns Zeit gelassen, uns emotional zu entwickeln. Erwachsen werden wir hoffentlich nie. Er spielt mit Technik, ich spiele mit Farben, Worten und Bewegung. So ist es auch im Beruf: Er arbeitet mit Technik, ich mit Worten. In der Ehe finde ich es auch wieder: Er sucht nach der richtigen Technik, ich nach den richtigen Worten.

Wie schafft man es, insgesamt 24 Jahre mit einem Nerd zusammen zu sein? Wie schafft man es, 24 Jahre mit einer emotionübersprudelnden Kreativtussi zusammen zu sein?

Heute denke ich darüber nach. Unser 20. Hochzeitstag. Krass. Wir wollten einen ruhigen Vormittag verbringen, frühstücken gehen. So die Theorie. Wie so oft hat es nicht hingehauen. Wir feiern mit Quarantäne im Nacken und kranken Kindern zu Hause. Hoffen weiter. Hoffen auf die zehn Minuten, in denen uns alle mal in Ruhe lassen. Vielleicht reicht es für eine Kerze. Oder einen netten Satz. Vielleicht sogar für einen ruhigen Abend. Vielleicht auch nicht. Es ändert nichts. Das Hochzeitsdatum bleibt der 17. Mai, auch wenn er in diesem Jahr so gar nicht festlich sein will.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird es mir klar: Es passt nicht. Hochzeitstag passt nicht. So vieles passt nicht. Wir auch nicht. Eigentlich passen wir gar nicht zusammen.

Als wir dieses Foto geschossen haben, war ich mir wieder sicher, dass er der Richtige für mich ist.

Unser Geheimnis

Vielleicht ist das unser Geheimnis: Wir wissen, dass wir nicht passen. Nicht ins Bild, nicht in unsere Vorstellung. Genau dieser Umstand, den ich so schwer zu ertragen finde, fordert so viel Kreativität. Das macht es wieder spannend. Ich wachse über mich hinaus, bis ich groß genug bin für eine Beziehung, für eine Familie mit drei Kindern.

Wenn die Grimasse auch sein darf, kommt das Lachen ganz natürlich zurück.

Während ich schreibe, spielt der Nachwuchs lautstark um mich herum. Es regnet. Mein Rücken schmerzt, Coronareste ärgern mich genauso wie der blöde positive Test. Meine Füße sind kalt vom Dauerlüften. Jetzt hilft nur noch Schreiben. Romantik ist anders. Aber wenn ich in mich gehe, spüre ich es. Wie eine kleine Flamme im Wind schütze ich das Gefühl vor dem Erlöschen: Ich freue mich auf den Tag. Nicht weil er schön wird, nicht wegen der zu erwartenden Romantik. Sondern einfach weil es ihn gibt. Weil es uns gibt. Zwanzig Jahre lang. 

(c) Ramona Eibach, www.funkelflocke.de

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