Wenn Erschöpfung glitzert

Das Knallen der Tür lässt meine Ohren pfeifen. Druck auf den Ohren. Es rauscht. Ich muss raus. Ich schnappe Mütze und Jacke und schon bin ich aus der Tür. Das leise Piepsen ist wieder da. Nervtötend und unnachgiebig sagt es mir, was ich sowieso weiß: „Du hast zu viel Stress.“

Na klar. Ich denke nach, wie der Tag angefangen hat. Dem Frühstück verpasse ich die Überschrift: „Drei Kinder, ein einziger Lärm.“ Eigentlich war es danach soweit okay, aber als ich entdeckte, dass eins meiner Kinder mutwillig Sachen zerstört hat, riss mein Geduldsfaden. Mal wieder. Es tut mir so leid, dass ich so wütend war. Die knallende Tür geht auf mein Konto. Heute Nacht hat es gefroren. Ich bin auf Kälte eingestellt. Traurigkeit überfällt mich. Ich wünsche mir ab und zu ein schönes Erlebnis mit den Kindern. Die Tür knallt weiter in meinem Kopf, ich bin erschüttert. Doch plötzlich fühlt es sich an, als ob sie von unsichtbarer Hand festgehalten werde.

… dann klopft die Schönheit an

Ich spüre ein leises Klopfen. Irgendetwas will rein in meine Gedanken. Keine Ahnung, ob ich bete oder was ich da gerade tu. In Gedanken nähere ich mich vorsichtig der noch immer knallenden Türe. Ich halte sie fest. Öffne sie ein Stück. Ein Sonnenstrahl blendet mich. Dann schaue ich mich um. Oh wow. Ja, es ist kalt. Aber überall glitzern gefrorene Ecken.

Ein gefrorener Ahornsame glitzert golden in der Sonne

Ich entdecke im Wasser eingeeistes Laub, Gefrorene Ahornsamen, die schimmern, als wollten sie mit aller Kraft gerade jetzt und hier zeigen, wie schön sie sind. Ich nehme ein Stück Eis und halte die wunderschöne Frostskulptur in die Sonne. Ich mache Fotos.

Ich halte ein Stück Eis in die Sonne.

Schönheit dringt in mich ein. Die knallende Tür habe ich schon vergessen. Jetzt steht sie weit auf. Die Sonne gibt alles und ich fange sie auf. Ich stehe da, das Handy in der Hand und bin gebannt. Meine Gedanken werden gerade zu Sonnenstrahlen. Sie schenken mir Worte, die ich aufschreiben muss.

Ich beende das Gedicht oder was auch immer das ist und denke darüber nach. Ich gebe ihm den Titel „Schönheit“. Und ich finde, es hat diesen Namen wirklich verdient. Mein Lieblingssatz ist: „Willst du Schönheit zum Strahlen bringen, halte sie in die Sonne.“ Ich traue mich nicht, meinen Namen darunter zu schreiben. Ich habe zwar das Urheberrecht, aber es war ein Geschenk. Es ist nicht von mir ausgedacht. Ich schreibe i.A. (im Auftrag) darunter. Denn möglicherweise war es mein Auftrag, es aufzuschreiben. Mehr habe ich nicht getan.

Momente in die Sonne halten

Ich weiß jetzt, was zu tun ist. Ich muss nach Hause. Ich laufe schnell, schnappe mir das „Problemkind“ und nehme es mit an einen sonnigen Platz im Haus. Es kommt mit ohne zu fragen, Neugierde zeigt sich in seinen Augen. Keine Spur von dem angriffslustigen Blitzen, das da vor einer guten halben Stunde noch war. Ich entschuldige mich und sage, was mir auf dem Herzen liegt. Sage auch, warum sein Verhalten nicht in Ordnung war. Die Sonne scheint in seine Haare und seine Augen sagen: „Ich habe verstanden.“ Als ich es entlasse, kann ich mein Glück kaum fassen. Was war das denn bitte? Ich lehne mich erschöpft zurück und sage irgendwas mit Kaffee. Ich höre es rufen: „Ich bringe dir einen!“ Dann trappeln die Beinchen Richtung Küche.

Ich lehne mich zurück Ich blinzle in die Sonne. Der Kaffee in Kinderhand schafft es tatsächlich unfallfrei bis zu mir. Und er schmeckt. Ich glaube an Gott und daran, dass er etwas in meinem Leben bewirken kann. Trotzdem kann ich kaum fassen, was hier passiert ist. Jetzt, wo der Stress weg ist und das Piepsen in meinen Ohren verstummt ist, spüre ich, dass ich sehr erschöpft bin. Ich wende an, was ich gerade gelernt habe. Ich halte meine Erschöpfung in die Sonne. Mal sehen, ob ich auch in ihr Schönheit entdecken kann. 

Dann lasse ich Szenen der Woche Revue passieren. Auf der Arbeit war es intensiv, viele Pflichttermine privat, die auch sein müssen. Viel zu tun mit den Kindern. Ein paar schöne Termine. Traurigkeit und Unsicherheit. Stellen, an denen ich über mich hinausgewachsen bin. Erfolge. Oh ja, die gab es auch. Es war wieder mal viel. Die Erschöpfung darf sein. Als ich über sie nachdenke, kann ich ihren Glitzer spüren. Ich darf sie haben und ich darf mich jetzt ausruhen. So bringt sie Glanz in meinen Alltag. Es stimmt: Um etwas zum Strahlen zu bringen, muss ich es in die Sonne halten.

Das Gedicht, das an diesem Vormittag Schönheit in mein Leben gebracht hat, gibt es hier zum Nachlesen.

(c) Ramona Eibach, www.funkelflocke.de

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