Werkstatt-Psychologie

Ich liebe Werkzeug. Werkzeug ist für mich die Grundlage, sich selbst helfen zu können. Damit kann ich etwas bauen, reparieren oder aufmöbeln. Werkzeug gibt mir Gestaltungsspielraum. In diesem Fall habe ich damit Teile aus meiner Vergangenheit neu zusammengesetzt.

Unsere Werkstatt wird bisweilen für Schleif-Arbeiten und sonstige „dreckige“ Tätigkeiten genutzt.  Ich gestehe, ich bin nicht sonderlich scharf auf Schleifstaub in meinen Pinseln und Farben. Das führt dazu, dass mein Malzeug ständig hin und her geräumt wird. In Kisten und Dosen befanden sich unübersichtlich zusammengeworfen alle Zutaten für ein Acrylgemälde. 

So kam es, dass ich mir einen Malwagen wünschte, den ich bei Bedarf einfach aus der Werkstatt schieben kann. Stabil sollte er sein, praktisch und groß genug für meine Farben. Flexibel, so dass ich alles schnell von A nach B räumen kann und natürlich übersichtlich. Solch ein Gefährt war aber schwer zu bekommen. War es bezahlbar, war es nicht stabil und umgekehrt. Die Lösung kam beim Aufräumen. 

Nach unserer Flur-Renovierung gammelte die alte Bank, die dort gestanden hatte, im Keller herum. Wochenlang hatte ich sie hin und her geräumt, weil sie überall im Weg stand. Ich hatte gerade den Plan gefasst, sie zu Grillholz zu verarbeiten, als ich sie hochkant in eine Ecke schob. Da sah ich ihn vor mir: Meinen Malwagen. Die Bank war das perfekte Grundgerüst dafür!

Das perfekte Grundgerüst

An einem Samstag stand die Säge gerade bereit. Ich ergriff die Chance. Als ich dem ausgedienten Möbelstück mit der Kettensäge die Beine absägte, machte sich ein wohliges Gefühl in mir breit. Erinnerungen an Studienzeiten in der Bildhauerei, Werkstattgeruch und Schaffensfreude mischten sich. Ich begann noch am selben Abend, den Keller zu durchsuchen. Ich fand Rollen von einem alten Laufstall, Regalreste von einem Kellerregal, Haken von der alten Kindergarderobe im Flur, Türboxen von unserem defekten Kühlschrank und einen Blumentopf mit Haken und Kisten.

Während ich sägte, flexte, schraubte und bohrte, spürte ich, dass etwas innerlich bei mir passierte. All diese Reste der Vergangenheit setzten sich plötzlich zu einem ganzen perfekten Puzzle zusammen. Ich spürte, wie reich ich bin: Ich habe Werkzeug, ich habe Hände zum Arbeiten, ich habe Hilfe (denn mein Mann hat knifflige Teile für mich gesägt), ich habe Kreativität und Mut, sie einzusetzen. Aber mein größter Reichtum liegt in dem, was mich die Vergangenheit gelehrt hat. Wenn ich all diese Reste neu anpasse, kann ich damit etwas Einzigartiges schaffen. Für mich ein göttlicher Moment.

Zusammengezimmert: Reste der Vergangenheit

Der Malwagen wurde zu meinem persönlichen Symbol für Kreativität und Kunst in der Zukunft. Perfekt auf meine Bedürfnisse angepasst. Nur genau aus diesen Resten der Vergangenheit konnte er entstehen.  Ein Musterbeispiel der Werkstatt-Psycholgie.

(c) Ramona Eibach, www.funkelflocke.de

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