Bernsteintest

Meine Klamotten kleben schwer auf der Haut, ich bin vollkommen durchweicht. Das Wort Regenjacke bekommt eine neue Bedeutung, denn das Kleidungsstück scheint inzwischen aus dem nassen Zeug zu bestehen, das da vom Himmel fällt. 

Nicht schlimm, denn unter Jeans und Regenjacke trage ich einen Badeanzug. So muss das sein, wenn Frau schwimmen will. Ja, ich wäre jetzt gerne nass vom Meer, das sich gerade in voller Flut mit Wellengang präsentiert. Ein paar Tropfen von oben und Wind sind mir egal, Hauptsache ins Wasser. Wäre da nur nicht die rote Flagge.

Es ist mein letzter Urlaubstag und ich denke gar nicht daran, mir vom Wetter oder irgendwelchen Flaggen den Nachmittag verderben zu lassen.

Die kommende Stunde gehört dem Meer und mir. Also schlendere ich am Strand entlang. Automatisch suchen meine Augen den Spülsaum nach Fundstücken ab. Bis sie an einem kleinen hellbraunen Etwas hängen bleiben. Ich fasse es an, untersuche es. Leicht und fest und die Farbe passt. Ich freue mich wie eine Schneekönigin. Vermutlich habe ich ein Stück Bernstein gefunden. Zum ersten Mal!
Da bekomme ich nasse Füße. Ich bin dem Meer in meiner Euphorie zu nahe gekommen und habe es vermutlich auf den Schlips getreten. Es hat sich gerächt und meine wasserdichten Schuhe vom Knöchel aus geflutet. 

Ich ziehe sie aus und laufe mit klatschnassen Hosenbeinen durchs Wasser. Das Meer ist wärmer als der Regen. Das Kind in mir fängt an zu quieken, ich spüre, wie Freude mich überrollt. Ich lasse es zu und sammle durchs Wasser watend ein paar Steinchen und Muschelschalen. 

Als ich zu Hause die Urlaubswäsche anstelle, ist die Hose noch nass. In den Taschen finde ich die kleinen Erinnerungen ans Meer. Schmunzelnd stopfe ich das Stück Stoff in die Trommel. Später untersuche ich die Fundstücke. Der  vermeintliche Bernstein ist inzwischen trocken und heller geworden. Ich kann ihn klar identifizieren. Als Kürbiskern. Ich lache über mich. Wie kann man das verwechseln?

Schätze aus Hosentaschen

Meine Beute von der Nordsee…

Ein anderer Stein ist erstaunlich leicht und ich gebe die Hoffnung nicht auf. Vielleicht ist das ja… Im Netz schaue ich mir Bernsteintests an. Er klingt nach Kunststoff und lässt sich mit einer Münze einritzen. Aber am Salzwassertest und am Feuer-Test scheitere ich. Er schwimmt nicht und riecht nicht nach Harz. Vielleicht eine Versteigerung eines Schwammes, keine Ahnung. 

Keine Ahnung, was es ist, aber ich mag es!

Vieles, das zuerst nach Schatz aussieht, entpuppt sich im Nachhinein als wertlos. Es hält dem Bernsteintest nicht stand. Aber ich liebe den Stein trotzdem. Er bringt mich zum Lächeln. Ich denke an klebende Klamotten und Salzränder an der Jeans. An nasse Füße, Sand zwischen den Zehen und Wind in den Haaren, an warmen Regen und Strand. Das Fundstück hat den Bernsteintest nicht bestanden. Aber für mich bedeutet es die Erinnerung an ein Stück Freiheit. Ich bohre kurzerhand ein Loch hinein und trage ihn ab jetzt um den Hals. Wie der Bernstein oft kleine Bestandteile seiner Umgebung einschließt, so schließt dieser „Bernstein“ etwas anderes ein: Das innere Bild von dicken Regentropfen, die aufs Wasser platschen. Und das Gefühl der Freiheit.

(c) Ramona Eibach, www.funkelflocke.de

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